CARTOUCHE

Betrachtungen zu Gegenwartskultur

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No Fear Of Pop empfiehlt:

Young-Echo Nexus

Young Echo – Nexus (Ramp Recordings 2013)

Der Dub: Erschaffen aus den Fragmenten des Raggae und der Kultur der sound systems der großen karibischen Community, die hier eine neue Heimat gefunden hat und die diese Stadt prägt wie sonst kaum eine andere auf den britischen Inseln. The Wild Bunch: Tricky, Massive Attack, Unfinished Sympathy. Portishead. Glory Box. Der Geburtsort einer der wirkmächtigsten und folgenreichsten Genres der elektronischen Musik: Trip Hop. Und später, nach der Jahrtausendwende, als die letzten Nachwehen dieser schleppenden, rauen, sehnsuchtsvollen Beats verklungen waren, eine Neugeburt, wieder im Geiste der westindischen Tradition: the second city of dubstep.

Bristol, Südwestengland. Wohl nicht zuletzt ob ihrer fehlenden Größe konnten sich hier stets stärker als in der nur wenige Autostunden östlich gelegenen Hauptstadt des Empire musikalisch eng verwobene Szenen festsetzen und ausbreiten und dabei Stile prägen, die es auf ihrem Zenit noch immer vermochten, den Geschmack interessierter Kreise auf dem gesamten Kontinent zu bestimmen. Derzeit mögen die Hypes eine kleine Pause einlegen, aber eines bleibt gewiss für jene Musiker, die heute in Bristol leben und arbeiten: In kaum einer anderen Stadt bewegt man sich von vornherein in einem so stark aufgeladenen, ja metaphysisch überhöhten Spannungsfeld kanonisierter musikalischer Vergangenheit.

In eben dieses Spinnennetz des fast übermächtigen Gewesenen hinein hat sich vor wenigen Jahren Young Echo gegründet, ein Kollektiv von inzwischen neun jungen Künstlern, die in unterschiedlichen Zusammensetzungen schon seit längerem im Verbund Musik machen: Seb Gainsborough alias Baba Yaga alias REI alias Vessel, der mit letzterem Projekt so etwas wie das erste Aushängeschild der Gruppierung geworden ist, vor allem seit Veröffentlichung seines Debüt-Albums „Order of Noise“ auf Tri Angle Records im vergangenen Jahr. Joseph McGann, der in erster Linie unter dem Namen Kahn reüssiert, als leidenschaftlicher Verfechter fast traditioneller Interpretationen von Dubstep und Grime, und als solcher noch am engsten verwoben ist mit den Clubs und sound systems von Bristol. Kahns selbstbetitelte, im Frühjahr auf Black Box erschienene EP gehört zweifellos zu den überzeugendsten Zeugnissen der ungebrochenen Vitalität des UK Underground im Jahr 2013. Dann wäre da Amos Childs, der für das Duo Jabu die Beats produziert und sich zusammen mit Cris Ebdon als Zhou zeitgemäßem Dubstep widmet, wenn letzterer nicht als Ishan Sound solo auf ähnlichem Territorium wirkt. Jabu wird komplettiert durch Alex Rendall, dessen Vocals inzwischen wohl das stärkste Wiedererkennungsmerkmal des Kollektivs geworden sind. Schließlich Sam Kidel, dessen dem Noise verpflichtete, unzugängliche Soundskulpturen wie die Musik Vessels jene äußersten, schlecht beleuchteten Ränder des Techno ausarbeiten. Komplettiert wird die Gruppe durch Sam Barrett alias Neek sowie MC Jack Richardson und Komponist Paul Zaba, die aber nicht zum Kern zu rechnen sind und auch nicht an der hier besprochenen LP mitgewirkt haben.

Young Echo selbst, ursprünglich erschaffen als Name für eine noch immer bestehende, halbwegs regelmäßig produzierte Internet-Radiosendung, die die Freunde gemeinsam bestreiten, fungiert im Grunde nur als der nicht weiter determinierende Kokon für die ansonsten durchaus weit voneinander entfernten Spielarten elektronischer Musik der einzelnen Mitglieder. Und erst Nexus führt dieses zerstreute, diversifizierte Werk der sechs erstmals auf einer LP zusammen. Was allerdings keine Kohärenz zur Folge hat: Die 13 Songs sind genau so verschieden, wie die Hintergründe und Ansätze der einzelnen Künstler es vermuten lassen würden. Wenn überhaupt, so ist als kleinster gemeinsamer Nenner stets der Dub zu verorten, als beinahe natürliches Habitat einer jeden elektronischen Musik, die ihre Wurzeln in Bristol hat. Ansonsten aber fällt es schwer, auf Anhieb signifikante Gemeinsamkeiten zu finden zwischen einem stark fokussierten Song wie „Blood Sugar“, der irgendwo an der Schnittstelle von Dubstep und „Pop“ einzuordnen wäre, und experimentellen, improvisierten Introspektionen wie dem Opener „Radial Sheaves“ oder dem letzten Stück „Ephemeral, Sometimes / Eternities, Never“, die im bewusst sperrigen Verbund das Album umklammern.

Dass die Musiker dennoch darauf verzichtet haben, einzeln in der Tracklist aufgeführt zu werden, ist durchaus als Statement zu verstehen. Nexus – der Titel selbst verdeutlicht, dass hier die Verbindungen, die Verknüpfungen der sonst voneinander isolierten Werke zutage treten sollen. Es ist ein Album von Young Echo. Ob es gelingt, diese Botschaft tatsächlich auch musikalisch zu transportieren, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Sich völlig von der jeweils eigenen musikalischen Identität zu verabschieden, so weit wollten die sechs Musiker nämlich dann doch nicht gehen; und so ist auf dem Backcover der LP zumindest im Kleingedruckten fein säuberlich aufgelistet, wer für welchen der 13 Tracks tatsächlich als Autor verantwortlich ist. Wenn echte Synergie doch einmal klappt, dann am ehesten mit dem Titelstück, das relativ in der Mitte des Albums zu finden ist und nicht nur deshalb wie der Kristallisationspunkt von Nexus wirkt. Dieses Stück wird als einziges Killing Sound zugeschrieben, einem amorphen Projekt, das von Childs, Gainsborough, Kidel und Rendall ins Leben gerufen wurde, um die gemeinsamen musikalischen Schnittpunkte auszuloten. Hier allein scheint durch, wie Young Echo tatsächlich klingen könnte – und vielleicht in Zukunft ja auch klingen soll. Dass ein tatsächliches künstlerisches Zusammenspiel möglich ist, beweist ein für den britischen Wire produziertes, kürzlich ins Netz gestelltes Video, das die Mitglieder bei einer improvisierten Live-Session zeigt (siehe oben). Umgeben von einer Aura offensiv zur Schau gestellter Ernsthaftigkeit entsteht eine Ahnung von der kumulativen kreativen Energie, die die Künstler als Kollektiv, als Young Echo zu entfesseln imstande sind.

So aber dient Nexus zunächst einmal nur als Werk- und Rückschau, vielleicht als eine Art Zwischenbilanz, und so sollte die Platte auch gehört und betrachtet werden. Wenige der Stücke sind neu. So geistert das betörend sehnsuchtsvolle, durchaus wenig subtil originären Trip Hop reminiszierende „My Child, My Chain“ schon seit mindestens zwei Jahren als Youtube-Clip durchs Netz, aufgenommen von Gainsborough zusammen mit der befreundeten Künstlerin Lily Fannon – die schon auf „Order of Noise“ als gelegentliche Vokalistin diente und auch auf Nexus wiederholt mitwirkt. Die drei Tracks von Jabu, auf denen Rendall seine charakteristischen Stream of Consciousness-Raps ausstellt, fanden sich schon im letzten Jahr auf einem streng limitierten Live-Tape, das vom winzigen Bristoler Label No Corner herausgebracht worden war. Und auch wenn es diese drei Stücke sind, die neben Nexus am meisten herausstechen und der LP so etwas wie einen inneren Leitfaden geben, verlieren sie hier doch etwas von der atemraubenden, fast bedrohlichen Wucht, das die Kassette zu einer der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahres 2012 gemacht hatte.

Am Ende ist Nexus zu allererst notwendig und nützlich als die längst überfällige Einführung in das Schaffen eines der interessantesten, einer wirklichen Avantgarde verpflichteten musikalischen Kollektive der Gegenwart. Ob die LP dagegen auch als Album im eigentlichen Sinne funktioniert, das möge jeder für sich entscheiden. Eine der essentiellsten Veröffentlichungen dieses Jahres ist Nexus so oder so ohne jeden Zweifel.

Henning Lahmann ist der Kopf hinter No Fear Of Pop und schreibt auch sonst hier und da über Musik

(Artwork: Ramp Recordings)

Tanzen

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CARTOUCHE PARTY / 07. FEBRUAR 2014 / KIM BAR / BRUNNENSTRASSE 10 / 21:30UHR / WERTE & NORMAN (DJ) / MAX LINK (DJ) / SPEX (DJ)

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Gespräche

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DER ERSTE MENSCH, DER MUSIK MACHT

Ob sich aus jeder Lüge ein eigenes Universum schält, in dem diese Lüge dann wahr ist, und ob ich Alexander Winkelmann nun wegen des rauhen Berliner Oktoberwindes, einer kaum mehr nachzuvollziehbaren Kette verschiedener Ereignisse – oder doch nur einfach so – auf einem Konzert des schottischen Performancekünstlers Momus kennengelernt habe, kann ich an dieser Stelle leider nicht weiter ausführen. Ich sollte lieber gleich auf den Punkt kommen. Auf den ersten Treffen fiel mir an dem jungen Berliner die fast schon übertriebene Höflichkeit auf, aber noch erstaunter war ich seltsamerweise darüber, dass er darauf zu bestehen schien, bei seinem vollen Namen, Alexander, gerufen zu werden. Die extreme Höflichkeit stellt sich bald als natürlicher Wesenszug, als absolut unaufgesetzt heraus, und man kann sich nur darüber wundern, wieso diese ausgesprochene Höflichkeit, die ja so vollkommen natürlich ist, nicht von allen Menschen in dieser Weise gepflegt wird. Man wusste bald, dass es auch okay war, ihn einfach „Alex“, gerne auch „Ali“ zu rufen, bloß „Winkelmann“ habe ich bisher noch niemanden sagen hören. Obwohl er selbst sehr gerne seinen Familiennamen benutzt, er hat aus diesem ein Symbol gemacht, das aussieht wie eine menschliche Triangel.

Ali Winkelmann ist immer genauso gut gelaunt, wie seine Musik menschlich ist. Er ist alles kennender Autodidakt, wie ich nun in mehreren Gesprächen mitbekommen habe. Man hört das der Musik an, die so klingt, als hätte sich jemand jahrelang ernsthaft mit dem Songschreiben beschäftigt, sich dann aber mit einem Mal von allen Regeln, Erwartungen und sonst noch allem befreit. Oh!, Verzeihung, jetzt klinge ich wie ein PR-Text. Aber es ist genau so. Alex Winkelmann musste für seine eigenartige Lo-Fi-Vision eine Phantasiesprache erfinden, und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich hatte immer das Gefühl, dass dieses gesungene Phantasieprodukt Melodien und Töne transportiert, die vielen Menschen im Kopf rumsäuseln. Nur brauchten sie eben erst die Erfindung einer neuen Sprache (die übrigens alle Vokale der unsrigen Sprache umfasst), um ihren Weg in die hörbare Außenwelt zu finden.

Man muss dazu sagen, dass der Effekt dieser ganzen Sache erst in der Live-Performance Alexander Winkelmanns zu seiner vollen Geltung kommt. Es ist eine seltsame Erfahrung, zumindest bis zu jenem Moment, wenn man versteht, was hier eigentlich los ist: man erwartet ein Konzert, aber man bekommt eine Performance. Meistens fängt es mit einem Schrei an.

Der Schrei hat im Werk des jungen Künstlers eine dreifache Aussage:

A: Niemand, weder das Publikum noch der Künstler selbst, hat darum gebeten, geboren zu werden.

B: Der Schrei ist ein Losschreien (besser: Loslassen) aller Zweifel und Hemmungen.

C: Im Schrei des Künstlers fühlt sich auch der Zuhörer von allem befreit.

Jetzt ist es aber höchste Zeit, ihn selbst sprechen zu lassen. Alexander hat an einem Freitagabend zu Pasta in seine Neuköllner Wohnung geladen. Wir wollen uns über etwas größere Fragen unterhalten, Leben und Lebensführung, „so diese Geschichte“, wie er selbst sagen würde.

Alex, leben wir nicht in Zeiten, in denen der größte Wert der ist, sich selbst zu verwirklichen? Jeder kann alles werden, so scheint es, so wird es einem erzählt. Kennst du diese Phase eines Lebens, in der man gar nicht so recht weiß, was man mit sich anfangen will, weil einem ja erstmal alles offen steht? 

Das war bei mir in einer Phase während des Studiums, als ich gemerkt habe, dass sich die Werte ein wenig verschoben haben. Ich habe ja Design studiert und wusste zu einer Zeit gar nicht mehr, wie ich das vereinbaren will mit den eigenen Interessen. Im Grafikdesign hat mir die Wucht und überhaupt die Möglichkeit eines für mich interessanten Ausdrucks gefehlt.  Ich hab dann auch überlegt, ob es überhaupt noch etwas bringt, das Studium abzuschließen. Da war für mich klar, was ich machen will, aber das Medium, in dem ich mich ausdrücken wollte, das hatte ich eben noch nicht. Aber der Glaube und die Gewissheit waren von Anfang an vorhanden, und mit diesem Grundvertrauen bin ich dann auch nach Berlin gezogen. Berlin war zu der Zeit schon ein für mich gemachtes Nest. Woher aber das Grundvertrauen kam? Keine Ahnung.

Bist du jemand, der eher darauf wartet, dass die wichtigen und richtigen Dinge sich von alleine einstellen, also zu einem kommen?

Ja, auch. Warten und sich Zeit nehmen finde ich essentiell, vor allem muss man seinen Gefühlen gegenüber aufmerksam bleiben. Was natürlich nicht heißt, dass man passiv bleibt, sondern ganz im Gegenteil ständig an sich werkelt, und zwar in keinem Kontext von der Uni, sondern für sich selbst. Im Endeffekt kann ich aber sagen, dass sich alles Wichtige für mich von selbst eingestellt hat.

Kann man da (d)eine Lebensphilosophie herauslesen?

Kann man, muss man aber nicht. Das geht ja oftmals eher einher oder zusammen. Im Machen spiegelt sich eine Philosophie wider.

Einschub: Ein auffälliger Zug von Alexanders Gesprächsduktus lässt sich übrigens nur auszugsweise abbilden. In die Hauptsätze mischen sich einschubartig Geistesblitze, die nicht weiter erklärt werden können, weder von ihm selbst noch vom Interviewer. Eine quirlige Ideenfülle möchte ausgedrückt werden, das führt zu den sogenannten Sprüngen der Gedanken, der Leser muss sich das bitte dazu imaginieren.

Wolltest du dich eigentlich schon immer musikalisch äußern?

Kann ich gar nicht so genau sagen. Das ging in der Pubertät los, mit Popmusik, oder zuerst noch mit alternativen Musikszenen und Moden, die mich irgendwie angemacht haben. Gleichzeitig hat sich bei mir die Erkenntnis eingestellt, dass man ja auch mit dem Selbst spielen kann, mit der Identität. Ich war in Alabama bei einer Gastfamilie, und der Vater dort spielte Gitarre.

Wie alt warst du da?

16. Ich habe dann dort mit ein paar Schulfreunden Musik gemacht, Gitarre gespielt und, da fällt mir auch ein, schon zu diesem Zeitpunkt Texte geschrieben, auch auf Englisch lustigerweise. (lacht) Oh yeah. Damals habe ich aber noch so Sachen wie The Cure oder Deftones gehört, bei denen mir die Stimmung gefallen hat, die diese Songs transportiert haben.

Als ich dann nach einem Jahr wieder nach Deutschland zurückkam, nach Hameln, habe ich dort versucht weiterzumachen, was sich aber als gar nicht so einfach herausstellte. Da war dann keiner so richtig da, der verstanden hat, was ich machen wollte. Aber das Musikmachen war nicht die konstante Leidenschaft, das wäre jetzt zuviel. Eigentlich sah ich mich lange Zeit eher als Musiknerd, als Fan des Ganzen.

Aber da muss ja noch mehr da sein bei dir?

Ja, sicher. Diese jugendliche Lust, auf die Bühne zu gehen, so etwas verspürt man ja auch in sich, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Aber auch da schon das Verlangen, etwas Tolles, Großes zu machen. Dieses Verlangen wurde irgendwann bei mir geweckt und wurde dann auch sehr stark. Aber wann das war, kann ich dir gar nicht sagen.

Kannst du prägende Hörerlebnisse nennen, wenn du dich eben schon als Musiknerd bezeichnet hast?

The Fall, Glenn Branca, Rhys Chatham, Scott Walker, Brian Eno, Fennesz, Silver Apples, Mayo Thompson, Velvet Underground, Talk Talk, Boredoms, Momus, Godspeed You Black Emperor auf jeden Fall. Darauf komme ich immer wieder zurück. Dann kam irgendwann Krautrock für mich, Faust, Neu!, Can, Harmonia, La Düsseldorf, diese Geschichte. Logischerweise dann auch die Punk und Post-Punk-Sache, Wire, Gang of Four, This Heat und P.I.L und so. Grunge nie so wirklich, auch wenn ich das natürlich mitbekommen habe, da hat mir aber schon immer der Zugang gefehlt. Ich konnte aber auch immer was mit der Wucht von Led Zeppelin anfangen. Und die Monks! Aktuellere Bands wären Liars, Stars of the Lid, The Books, Animal Collective, Black Dice, Deerhunter, Health, Lightning Bolt, Manitoba oder auch sowas wie Apex Twin, Mouse on Mars, Four Tet, Burial, Shed, Snoleoparden, DJ Koze, Clark, usw.

Setzt du dich dann auch manchmal hin und versuchst diese Sachen auseinander zu nehmen? Das zu analysieren, was dich daran so interessiert? Das Geheimnis eines guten Songs zu entschlüsseln?

Nee, sowas mache ich eigentlich nicht. Was ich schon manchmal gemacht habe, ist Lieder nachzuspielen. Und was ich in letzter Zeit auch mal gemacht habe, ist mehr auf die Struktur der Songs zu achten, die bei mir hängen geblieben sind. Aber das kann man jetzt nicht wirklich auseinandernehmen nennen. Jetzt gar nicht mal unbedingt, weil ich denke, damit etwas kaputt zu machen, ich hab das einfach nicht in Betracht gezogen.

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Wir waren eben noch dabei stehen geblieben, von deiner Erfahrung in den USA zu reden, erzähl doch noch ein bisschen davon.

Was, glaube ich, wichtig für mich war und was auch toll war: dass mich dort absolut niemand kannte. Ich war ein vollkommener Niemand in den Staaten. Man kann jemand komplett Neues sein, jemand, der man sein möchte.

Das ist doch auch der Traum von vielen, oder? Nach Berlin zu kommen und jemand ganz Neues sein, sich selbst neu zu erfinden. Diese Erfahrung, jemand Neues zu sein, keine Erwartungen erfüllen zu müssen, ist doch eine extrem belebende Erfahrung. Es ist ja so, wie es bei Proust steht: Der Mensch als soziale Person ist immer Konstrukt der anderen.

Ja, ich habe schon gemerkt, dass mir das sehr gut getan hat. Irgendwann war man da der crazy german guy, und in anderen Kreisen eines der alternative kids. In der dortigen Schule gab’s eine Lehrerin, die eine Unterrichtsstunde nur mir zuliebe gemacht hat. „Nur dem Alex gewidmet“. Das war so eine Phase, in der ich ungemein glücklich war, einfach da zu sein, zu spüren, wie ich mich entwickle. Davor war ich eigentlich ein Heimwehkandidat, aber das gab es dann so gar nicht mehr. Ich glaube, heute kann ich schon sagen, dass diese Erfahrung mich geprägt hat, obwohl man bei sowas sicherlich vorsichtiger sein muss. Da sind so viele unbekannte Variablen, bei denen am Ende so etwas wie ein „Charakter“ herauskommt.

Deine Musik hat ja auch viel mit Selbstüberwindung zu tun, also damit, aus den Ruinen der Gewohnheiten, wie Cocteau sagt, auszubrechen, alles, was einen hindert und hemmt, in einem Performance-Akt zu überwinden, sozusagen zu transzendieren.

Stimmt, die Musik, das Programm, das ich live zusammenstelle, ist in gewisser Weise darauf angelegt, dass ich mich selbst überwinde. Und dann stellen sich bei mir solche Zustände ein, die mich, wie soll ich sagen, zufriedener zurücklassen. Vorbild waren da für mich Konzerterfahrungen, die ich mit einem Grinsen auf dem Gesicht verlassen habe, die mich glücklich gemacht haben. Ich will, dass sich meine Erfahrung, die ich auf der Bühne mache, auf das Publikum überträgt. Mentale Blockaden will ich wegreißen. Im besten Falle geht man dann verändert aus einem Konzert heraus.

Erinnerst du dich gerne an deine Kindheit zurück und wie kann man sich dich als Kind vorstellen?

Ich hatte eine wunderschöne Kindheit, ja wirklich, ich erinnere mich auch gerne daran zurück, ohne das Ganze an irgendwelchen bestimmten Daten festzumachen. Ich war viel draußen unterwegs, Rollenspiele gemacht, so diese Geschichte. Ich habe sowieso, was ja eigentlich klar ist, viel gespielt, am Tresen unseres Restaurants, dem Jägerhof, habe ich immer gezeichnet und gleichzeitig mit meinen Action-Figuren gespielt, He-Man, Mask. Wenn ich Filme geschaut habe, habe ich oft draußen nach Schauplätzen gesucht, wo so etwas stattfinden könnte, und wo dann in meiner Phantasie auch immer jemand um die Ecke kam und etwas passiert ist.

Kann man sagen, dass du dir diese eigene Welt bis heute bewahrt hast?

Ich war auf jeden Fall ein Spätzünder, habe diese Sache lange betrieben. Aber ich kann mich noch daran erinnern, dass ich irgendwann einfach mit diesen Spielereien aufgehört habe, und es dann später nochmal probiert habe, wieder damit anzufangen. Ging aber nicht mehr. Man kann aber sagen, dass die Erinnerungen auf jeden Fall ein großer Fundus für das sind, was ich heute mache. Meistens wird die Erinnerung ja durch irgendetwas getriggert, ein Licht, ein Geruch, und dann ist alles wieder da. Da freue ich mich immer, wenn so etwas passiert, wenn man Stimmungen oder Gefühle wiederfühlen kann. Das ist natürlich nicht nur an die Kindheit gebunden. Ich bin da auch oft melancholisch, wenn ich in der Stadt wieder an einen Platz komme, an dem ich mal verliebt gesessen habe, fühle mich aber gleichzeitig sehr lebendig.

Hast du das Gefühl, dass du solche Momente andern mitteilen kannst, und hast du überhaupt den Anspruch, so etwas auszudrücken?

Da bin ich eher skeptisch. Ich versuche das eigentlich nicht, eine persönliche Stimmung in einem Lied auszudrücken. Welche Bedeutung ein Song für den Hörer gewinnt, kann man, denke ich, erstaunlich wenig beeinflussen. Ich glaube schon, dass die meisten Love-Songs aus solchen Momenten entstehen, wobei das, was da ausgedrückt wird, für den Hörer natürlich eine ganz andere Bedeutung annimmt. Es geht darum, etwas möglichst Universelles zu sagen, zu dem jeder einen Zugang finden kann.

Sind dann die Songs die besten, die so universell und geheimnisvoll sind, weil man alles in sie hineinprojizieren kann?

Was mir dazu einfällt, ist, dass Songs selbst zur persönlichen Erinnerungen werden können, die dann wie ein Geruch funktionieren, und beim Hören dann meist eher das ausgelöst wird, was man persönlich mit ihnen verbindet.

Man eignet sich den Song dann an?

Klar, weil sie dafür ja nicht gedacht waren. Wenn ich zum Beispiel „Wonderful Life“ von Black höre, dann finde ich mich oft in all den Zeiten wieder, in denen ich diesen Song gehört habe.

Geht dir das heute verloren, weil du soviel durcheinander hörst?

Nein, eigentlich nicht. Ich versuche mir das zu bewahren, und wenn ich dann manchmal den Computer nach Songs durchsuche, merke ich auch, dass das funktioniert. Aber um nochmal darauf zurückzukommen: Trotzdem bin ich kein Fan von postmoderner Offenheit. Ich finde, manchmal braucht man auch noch klare Botschaften. Bei Ton Steine Scherben oder bei den Sex Pistols ist die Aussage doch klar, denke ich, und das finde ich auch gut. Statements finde ich schon gut. Gerade heutzutage finde ich eine Positionierung wieder interessant.

Findest du nicht, dass die Sachen, die man nicht versteht, also Geheimnisse, interessanter sind?

Ich verstehe den Reiz daran schon – wenn man sagt, da ist etwas in mir, das will ausgedrückt werden, auch wenn ich gar nicht weiß, was es ist. Scott Walkers Tilt habe ich beim ersten Mal auch nicht verstanden, aber trotzdem fand ich das reizvoll, das hat mich kolossal interessiert oder umgehauen wegen der Neuheit des Ausdrucks. Das ist für mich auch schon wieder ein Statement.

Überspitzt gesagt, würdest du dann dem Unbewussten, das irgendwie ausgedrückt werden will, den Ausdruck vorziehen, der ein durchdachtes Konzept hat?

Ich finde das mittlerweile eigentlich recht langweilig, keine Aussage über sein eigenes Werk treffen zu wollen. Womit ich jetzt die Technik, das Unbewusste sprechen zu lassen, im automatischen Schreiben, nicht ausschließen will. Das Ganze sollte aber nicht erzwungen werden, sondern sich natürlich ergeben.

Aber du arbeitest doch sehr intuitiv?

Das auf jeden Fall.

Ist Intuition etwas, das man wieder lernen muss?

Ich weiß gar nicht, ob man das verlernen kann. Mit der Intuition geht ja eine gewisse Geisteshaltung einher, also eine nicht intellektuelle Arbeitsweise. Es muss immer Sinn und Unsinn, eine gewisse Art von Rahmen, dann wieder keinen Rahmen geben. Das Intuitive verbinde ich mit einer Art von Ruhe, es hat für mich etwas Meditatives. Aber aus der Ruhe muss es wieder nach oben gehen, auf die Ruhe folgt immer eine große Aktivität bei mir. Abwechslung ist ja alles.

Also glaubst du nicht an die buddhistische Ausgeglichenheit?

Das Versenken im Nirwana hat für mich einen zu sehr passiven Aspekt. Da fehlt mir der aktive Teil. Für mich gilt eher: vollkommenes zur Ruhe kommen, um danach die Aufmerksamkeit sprechen zu lassen. Das ist auch ein Aspekt von solchen Meditationsmethoden, der dann bei solchen Leuten wie Heidegger oder Krishnamurti mitspielt. Ich bin eher für die Schulen, deren Lehre lautet: viel mehr machen, überanstrengen, ans Limit gehen. Nietzsche, Max Stirner, Gurdijeff, Ouspensky, solche Leute. Gurdijeff hat in Paris mit seinen Jüngern überanstrengende Versuche gemacht, um die Vielheit der Person und den Wesenskern offen zu legen, um den Roboter in sich zu überwinden. Das habe ich so für mich entdeckt. Dass es im Endeffekt auf die Psyche, auf das Selbstbewusstsein des Menschen ankommt, von wo alles Weitere seinen Lauf nimmt. Dass es da viel zu entdecken gibt.

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Carl Gustav Jung hast du ja dein PDF der Freiheit gewidmet, wie kamst du zu ihm?

Ach ja, mit Jung hatte ich auch eine ganz wunderbare Zeit. Die Bücher über Symbole und die Archetypen habe ich damals gelesen. Das hat mich von Anfang an angesprungen und interessiert. Für mich persönlich empfinde ich beim Lesen immer, dass sich mein Möglichkeitsrahmen ungemein erweitert. Dadurch, dass da einer war, der die Angelegenheiten der Psyche so formulieren konnte, kann man diese Dinge erst an sich wiedererkennen, an sich selbst erforschen. Das hat ja auch viel mit Freiheit zu tun.

Während Freud ja mit seiner Triebgesteuertheit den Menschen als zwanghaft dargestellt hat, ist Jungs Menschenbild viel optimistischer und betont, dass der Mensch sich selbst verwirklichen kann. Build yourself als Methode sozusagen.

Stimmt. Man sucht nach solchen Leuten, die zu einem sprechen, die einen supporten. Mich haben dann auch die Forschungen der sogenannten humanistischen Psychologie interessiert, Abraham Maslow zum Beispiel, der sich im Gegensatz zu Freud mit den Menschen beschäftigt hat, die glücklich waren, denen es gut ging. Das hat mich direkt berührt und dann schaut man, was solche Leute sonst noch gefunden haben. Das human potential movement, sowas finde ich spannend. Das sind für mich prägende Gebiete.

Um noch bei dem menschlichen Potenzial und dem Aspekt der Befreiung zu bleiben, das ist ja auch eine Art Katharsis, die du bei deiner Performance versuchst, für dich selbst und auch für deine Hörer?

Man braucht schon eine große Konzentration, eine hohe Aufmerksamkeit, um verändert aus einem Abend herauszugehen. Es hat auch viel mit Performance zu tun. Wenn ich mir meine Lieder auf Aufnahmen anhöre, dann merke ich, dass dies dort nicht so ganz zu transportieren ist. Man muss selbst vor Ort sein, damit es ein Erlebnis wird.

Hast du manchmal sowas wie Einflussangst? Als jemand, der überall mal reinhört, alles aufnehmen möchte?

Nee, eigentlich nicht.

Gibt es denn einen Punkt, an dem du sagen musst: Stopp, ich mache jetzt was Eigenes?

Das sagt man ja nicht, das macht man einfach.

Das Gefühl unterzugehen in der Vielheit der Sachen, die es schon gibt, kennst du nicht? Obwohl sich deine Songs so anhören, als seist du der erste Mensch, der Musik macht, hast du diese naive Weltsicht auf das Musikmachen nicht, dafür hast du dich viel zu viel damit beschäftigt.

Ich kann natürlich nicht hingehen und irgendjemanden kopieren. Das ist nicht mein Anspruch. Man muss seinen eigenen Beitrag leisten, in seiner eigenen Sprache. Dazu muss man sich erstmal kennenlernen. Ich hatte natürlich Phasen, in denen mich gewisse Einflüsse blockiert haben, und es wäre für mich auch interessant gewesen, unbefangener ans Komponieren heranzugehen. Aber das hatte ich nunmal nicht. Jetzt, nachdem ich schon Einiges gemacht habe, kann ich erst feststellen, wohin die Reise bei mir ging, also welche Tendenzen ich in meiner Musik erkenne, von welcher Basis ich ausgehe, von der aus ich arbeiten kann. Und ich kann feststellen, welches Material es wert ist, mit Leuten geteilt zu werden. Ich empfinde meine Entwicklung als total offensichtlich, dap-dap-dap. Ich hab keine Angst, weil ich doch schon genug Selbstvertrauen habe und von mir überzeugt bin. Ohne dieses Grundvertrauen geht es nicht. Das gehört ja auch dazu, ohne ein bisschen Größenwahnsinn kann man nichts erschaffen.

Vielleicht muss jeder Mensch diese Erfahrung im Leben einmal machen, nämlich, dass seine Stimme auch etwas zählt.

Ja, dazu fällt mir ein: Ich hatte mal mit 17, als ich gerade zurück aus den USA war, Michael Rother, dem Gitarristen von Neu! geschrieben, ob ich nicht zum Gitarrenunterricht zu ihm kommen könnte. Er hat damals verneint und mir auch mit einem Brief geantwortet und geschrieben: Nein, Alexander, du musst da deinen eigenen Weg finden.

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Max Link lebt als Autor in Berlin Neukölln. Er schreibt außerdem für Spex und den Freitag.

(Fotos: Johann Clausen)

 

 

Tanzen

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CARTOUCHE PARTY & EXHIBITION / 23. NOVEMBER 2013 / ECHO BUECHER / GRUENTALER STRASSE 9 / 20UHR / FIORDMOSS (LIVE) / NO FEAR OF POP (DJ) / DON’T PANIC BERLIN (DJ) / SPECIAL GUEST

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Unredigiert

Eine Eingangsfrage, 30 Minuten Zeit. Mit unserem Format “Unredigiert” wollen wir den Verlauf spontan geführter Interviews dokumentieren. Das Ziel dieses Unterfangens? Ein Gespräch auf Augenhöhe! Der Interviewte soll mitbestimmen, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelt. Das Resultat dieses Versuchs bekommt ihr ab jetzt in jeder Ausgabe von CARTOUCHE zu lesen. Und wer würde sich für den Start unseres Experiments besser eignen als eine Band wie MAN MEETS BEAR? Schließlich werden SOREN BROTHERS, EVELYN MALINOWSKI und DAVID DUNNETT in Berliner Szenekreisen für ihre Live-Improvisationen sehr geschätzt. Anstatt ihre Songs in ein festes Korsett zu zwängen, lassen sie sich auf der Bühne von ihrem Gefühl und ihrer Intuition leiten. Jedes Konzert wird auf diese Weise zu einem besonderen Erlebnis. Seit 2010 machen die drei Freund_innen zusammen Musik, im November 2012 tourten sie durch Dänemark und Deutschland. 

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Stil-Ikone, ANDY-WARHOL-Wegbegleiter und INTERVIEW-MAGAZINE-Macher GLENN O’BRIEN bereitet sich auf seine Interviews nicht vor. Er überrascht sein Gegenüber lieber mit spontan gestellten Fragen wie: “Was ist in deinem Kühlschrank?” Oder: “Was hast du gerade in deiner Hosentasche?” Entsprechend frage ich euch: Würdet ihr gern reich und berühmt sein?

SOREN: Nein danke!

DAVID: Das kommt für mich gar nicht in Frage!

EVELYN: Ich bin schon reich und berühmt, sorry!

Wirklich?

SOREN: Ja, das stimmt: EVELYN spielt bei DAFT PUNK! Das ist ihr Nebenprojekt.

SOREN, DAVID, ihr habt sofort abgelehnt, warum?

SOREN: Zu viel Geld macht auch nicht glücklich, das ist wissenschaftlich bewiesen. Ich hätte aber nichts gegen Anerkennung. Wenn, dann würde ich gern so sein wollen wie NEIL YOUNG: Der ist berühmt, sein Haus wird aber trotzdem nicht von Paparazzi belagert.

DAVID: Ein Celebrity zu sein klingt für mich wie das Schlimmste auf der Welt! Ich brauche meine Privatsphäre.

Man hat also kein Privatleben mehr, wenn man reich und berühmt ist? 

EVELYN: Doch, das geht schon. Die reale Person kann für immer im Verborgenen bleiben.

Das erinnert mich an BOB DYLAN – glaubt ihr, dass jemand den echten BOB DYLAN kennt?

DAVID: Ich weiß nicht mal, ob der echte BOB DYLAN sich selbst kennt.

Um auf meine Eingangsfrage zurück zu kommen: Wäre denn Berlin ein Ort, an dem man reich und berühmt werden kann? Wie seht ihr Berlin?

EVELYN: Ich denke, dass Berlin ein Ort ist, an den Leute kommen, die entweder ihre Karriere vorbereiten wollen oder die es schon zu Ruhm gebracht haben.

DAVID: Berlin fühlt sich an wie ein Altenwohnheim für kreative Menschen. Sie hatten ihre aktive Phase an anderen Orten und wollen sich hier entspannen…

EVELYN: … eine Familie gründen und ein Haus in Pankow mieten.

DAVID: Ich träume davon, später ein Haus in Pankow zu haben.

EVELYN: Es ist wirklich schön dort!

SOREN: Ich bin dort noch nie gewesen…

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Wie seht ihr die Indie-Musikszene Berlins? 

SOREN: Die Szene hier ist sehr fragmentiert. Leute kommen, Leute gehen. Viele Bands betrachten Berlin als sicheren Hafen, von dem aus sie die Welt bereisen können. Eine lokale Szene wie in Brooklyn oder Montreal gibt es hier allerdings nicht.

Was unterscheidet Brooklyn oder Montreal von Berlin?

SOREN: Die Leute, die dorthin kommen, wollen etwas erreichen.

Und in Berlin ist das anders?

SOREN: Richtig.

DAVID: Ich kenne Brooklyn nicht genug, um davon sprechen zu können, ich weiß aber, dass die Musikszenen in Toronto oder Montreal so gut funktionieren, weil es dort eine kleine Gruppe extrem leidenschaftlicher Menschen gibt, die alles für die Musik geben. Sie bringen Bands miteinander in Kontakt und erschließen neue Räume. In Berlin scheint es solche Leute nicht zu geben. Zumindest kenne ich keine.

EVELYN: Fairerweise muss man aber auch sagen, dass das alles in Toronto und Montreal auch nicht von heute auf morgen passiert ist. Die Szenen dort sind das Resultat langer harter Arbeit. Vielleicht ist die Szene Berlins einfach noch zu jung. Schau dir uns an: Wir sind alle auch relativ neu hier. Ich wohne erst seit 2010 in Berlin.

Es baut sich also gerade was auf?

EVELYN: Es fühlt sich zumindest so an.

SOREN: Ich sehe das aber nicht nur negativ. Vielmehr ist es sehr erfrischend, dass es hier noch keine all zu sehr gefestigten Strukturen gibt. Wenn du in Montreal nicht zur Clique gehörst, kriegst du weder Gigs noch Anerkennung. Zwei bis drei Leute entscheiden dort über das Schicksal vieler. Das hat die Szene dort sehr gelähmt. Am Ende standen dort Bands auf der Bühne, die nichts drauf hatten, aber die richtigen Leute kannten. Berlin ist weit weniger elitär. Du kannst spielen, wo du Lust hast. Du musst nur fragen.

EVELYN: Berlin ist echt locker. Statt Cliquen-Denken gibt es hier einen Support für außergewöhnliche Musik.

Warum seid ihr nach Berlin gekommen?

SOREN: Ich wollte die Berliner Mauer sehen.

DAVID: Ich mochte die Stadt. Ich hatte vorher in der Schweiz gewohnt und war hier oft zu Besuch.

EVELYN: Ich studiere.

Wo kommt ihr her?

DAVID: SOREN und ich sind aus Kanada, EVELYN kommt aus Montana in den USA.

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Wie habt ihr euch kennengelernt?

DAVID: Über Bekannte. Eine Freundin sagte eines Tages zu mir: »David, du bist doch Musiker und Wissenschaftler, ich kenne da einen Typen namens Soren, der ist auch Musiker und Wissenschaftler. Er zieht bald nach Berlin, ihr solltet euch mal kennenlernen«. Wir verabredeten uns und verstanden uns auf Anhieb.

Ihr seid also Wissenschaftler? 

SOREN: Richtig! ich bin Limnologe, beschäftige mich mit Seen.

DAVID: Und ich bin Ingenieur und Informatiker.

Die Überschneidungen sind also nicht so groß. 

DAVID: Genau, ich habe für Wissenschaft nicht viel übrig.

SOREN: Das wäre auch zu viel verlangt für einen Ingenieur. Viel zu kompliziert und philosophisch!

Habt ihr denn eine wissenschaftliche Herangehensweise an eure Musik?

SOREN: Nicht wirklich. Was ich aber an der Musik und an der Wissenschaft mag, ist das Storytelling. Wissenschaftler versuchen immer eine simple Geschichte zu erzählen, von der du glaubst, dass sie wahr ist. Eine Menge Kreativität ist dabei im Spiel, schließlich musst du Berge von Zahlen bewältigen. Ich glaube, dass das überhaupt das Schwierigste an meinem Job ist.

Wenn nicht durch die Wissenschaft, wodurch ist eure Musik dann beeinflusst?

EVELYN: Unsere Einflüsse variieren stark. Auf der einen Seite liebe ich straighte Klubmusik wie Tekkno. Manchmal habe ich aber auch Lust auf härtere Gitarrensounds und experimentelle Ansätze. Ich bin ein großer SONIC-YOUTH-Fan. DAVID hingegen ist mit Punkrock und Hardcore groß geworden. Er hat in einer Hardcore-Band gespielt.

SOREN: Ich habe eine klassische Klavierausbildung genossen. Entsprechend habe ich, als ich noch jünger war, vor allem klassische Musik gehört. Erst mit 16 Jahren habe ich moderne Musik für mich entdeckt.

Sprechen wir über eure Vorliebe für die Improvisation: Ich habe zwei eurer Shows gesehen, eine im MADAME CLAUDE und eine im ANTJE OEKLESUND. Jede war anders. Ist das Absicht? 

DAVID: Wir haben nur versucht, uns den Gegebenheiten anzupassen. Im Madame Claude darf man ja kein Schlagzeug benutzen.

SOREN: Gleichzeitig wollen wir immer etwas Neues ausprobieren. Uns wird schnell langweilig. Und wenn wir uns langweilen, besteht die Gefahr, dass das Publikum sich langweilt. Ich mag Shows, auf denen Unerwartetes passiert. Das ist der Grund, warum ich so gerne improvisiere.

EVELYN: Unsere Lieder werden niemals gleich klingen. Aus irgendeinem Grund wird von Rockbands immer erwartet, ihre Songs genauso zu spielen wie auf ihrer Platte. Das ist aber unmöglich!

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Ihr glaubt also nicht an Songs?

SOREN: Wir glauben zumindest nicht an die Idee, dass es die offizielle Version eines Songs gibt. Ich habe kein Verständnis für Leute, die versuchen, die »offizielle Version« eines Liedes aufzunehmen. Ich mag die Idee, dass wir die Möglichkeit haben, jedes Stück neu zu erfinden, egal zu welcher Zeit oder an welchem Ort wir es spielen.

DAVE: Ein Song hat sowas wie einen unbekannten Kern, der das Wesen dieses Songs bestimmt.

EVELYN: Die Gestalt dieses Kerns jedes mal neu zu definieren, darum geht es uns.

Würdet ihr euch selbst als Rockband bezeichnen?

EVELYN: Nein!

Wenn ihr also nicht reich und berühmt werden wollt, was sind eure Pläne für die Zukunft?

DAVID: Wir wollen Spaß haben!

Links: Bandcamp

(Fotos: MATTHIAS HEIDERICH)

Termine

Don’t Panic Berlin empfiehlt:

5 Termine in Berlin, die ihr auf keinen Fall verpassen solltet

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Bite Club

Hoppetosse, 27/09/13, 18Uhr

Unsere Freunde vom Bite Club Team haben hart an ihrem brandneuen “Street Food Market” gearbeitet. Nun ist er fertig und präsentiert euch beste Feinkost zu bezahlbaren Preisen an der Spree. Alle Stände und Wagen wurden mit Bedacht ausgewählt. Dazu gibt es bis spät in die Nacht Musik. Der Markt hat Potenzial, einmal ganz groß zu werden. Schaut deshalb vorbei, solange er noch frisch ist! Am 27. September ist es wieder soweit.

Dean Blunt

Berghain Kantine, 22/11/13, 21Uhr

Nach der Ankündigung, dass die Londoner Künstler Inga Copeland und Dean Blunt getrennte Wege gehen, sind wir gespannt darauf, wie es mit ihrem gemeinsamen visionären Projekt Hype Williams weitergehen wird. In der Zwischenzeit könnt ihr euch die eine Hälfte des Projektes in der Berghain Kantine ansehen. Dort stellt Dean Blunt am 22. November sein viel gefeiertes Album The Redeemer vor.

Everything Is True: Objekt & Call Super All Night Long

Chesters, TBA

Das DJ-Team Objekt & Call Super hat in der letzten Zeit viel Zuspruch erhalten. Umso interessanter erscheint die Party-Reihe “Everything Is True”, die unsere Freunde in dem intimen Club Chesters gestartet haben. Als wären die beiden für sich nicht allein schon  genug, legen neben ihnen jedes Mal einige weitere aufregende Künstler auf.

Polymorphism #9

Berghain, 04/10/13, 20Uhr

Ob ihr von den Headlinern gehört habt oder nicht, spielt keine Rolle. Ihr könnt euch darauf verlassen, dass die Leute von der CTM großartige Acts auf die Bühne holen. Entsprechend bedenkenlos könnt ihr bei ihren Events vorbeischauen – vorausgesetzt natürlich, dass ihr auf experimentelle Musik steht! Über ihr jährliches CTM-Festival hinaus organisieren sie regelmäßig die Polymorphism-Nächte im Berghain, wo es die volle Bandbreite an experimentellen Soundkünstlern, Musikern und Produzenten zu sehen gibt. Am 10. Oktober folgt die nächste Ausgabe, zu der unter anderem geladen sind: Lorenzo Senni, Oneohtrix Point Never und Stellar Om Source.

J.A.W x Steve Reid Foundation w/ Free Spirits

Prince Charles, 13/10/13, 15Uhr

Die J.A.W Family kombiniert auf ihren Parties Improvisations-Musik mit DJ-Sets. Ganz in diesem Zeichen steht auch ihr Event im Prince Charles, wo neben vielen tollen Bands Gilles Peterson, Floating Points und Fourtet hinter den Plattentellern stehen werden. Mit der Party soll Geld für die Steve Reid Foundation gesammelt werden, die dem schwer erkrankten Saxophonisten und Komponisten Arthur Blythe helfen möchte. Ein weiterer Teil der Erlöse geht an die Betreiber des Festsaal Kreuzberg. Der Veranstaltungsraum ist in diesem Sommer komplett ausgebrannt. Go support the causes!

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Indi Davies is a writer, illustrator and co-founder of the blog Don’t Panic Berlin.

(Foto: Lucy Sparks)

Sounds

Mouca ist ein DIY-Musik-, Poesie-, und Video-Label, das in Porto und Berlin beheimatet ist. Seit Sommer 2012 haben Augusto Lima und Charlotte Thießen fleißig Kassetten überspielt, auf denen neben neuen, aufregenden Bands auch  eine Vielzahl befreundeter, nicht minder spannender Künstler_innen zu finden sind. Denn darum geht es bei Mouca: Musik zu unterstützen, die den beiden Musikliebhaber_innen am Herzen liegt. Für die Zukunft haben Augusto und Charlotte sich vorgenommen, die Bande zwischen Berlin und Porto noch weiter zu stärken. Auf dem zweiten Cartouche-Tape haben sie ein weiteres Mal Menschen und Musik aus verschiedenen Kontexten zusammengebracht.

Tracklist

 1. The Courtneys – 90210

2. The Anna Thompsons – Fuck You

3. The Yawns – Summers Wasted

4. Free Time – Just One

5. Delta Love – I Swear

6. Ageing Children – I’m Gonna Get My Dog

7. Islet – Triangulation Station

8. Manors – No One Told You

9. Skiing – Hiddensee

10. Lullatone – Splitting a Banana Split

11. Las Kellies – Golden Love

12. Advance Base – Love Goes Home To Paris In The Spring (The Magnetic Fields cover)

Links: Bandcamp / Mouca-Homepage / Mouca-Facebook

Editorial

Neulich im Nathanja und Heinrich mit den Freund_innen gesessen. Draußen war Sommer, drinnen tranken wir Pastice. Alles hier fühlte sich gut und richtig an.

Es ist eben jenes Gefühl, jene Zelebration des Moments, um die es in Cartouche No. 4 geht. Wir wollen ihn einfangen, den Sound dieser Tage. Und so finden sich auch in diesem Heft wieder Projekte von Menschen, die uns begeistern, indem sie das, was uns umgibt, in ihrer Arbeit reflektieren und somit einen Beitrag zum Hier und Jetzt leisten.

Das erste Gespräch dieser Ausgabe führten wir mit dem Berliner Duo Easter. Die Musik von Stine Omar Midtsæter und Max Boss lässt sich nur schwer in Worte fassen, entfaltet zugleich aber eine einzigartige Atmosphäre. Wir haben die beiden im Wedding getroffen. Die Protagonisten von Gespräch zwei und drei sind Alexander Winkelmann und Yule FM. Beiden ist es auf eigene Weise gelungen, eine aufregende Kunstsprache zu entwerfen. Das großartige Interview mit Alexander Winkelmann führte unser neuer Autor Max Link.

Über die Musik hinaus finden sich in Cartouche No. 4 aufregende Talente aus den Bereichen Fotografie und Design. Da wäre Tonje Thilesen, die eindrucksvolle Fotos von Menschen und Orten macht. Und die Designerin Lina-Marie Koeppen. In der Designstudie “Learn To Unlearn” geht sie der Frage nach, ob Design den Menschen dabei helfen kann, sich ihrer selbst zu bemächtigen. Ebenfalls begrüßen wollen wir Pen-Club-Mitglied Malte Euler und die Designerin Regina Weber.

Unsere Gastautoren haben weitere wichtige Gegenwarts-Projekte unter die Lupe genommen. Henning Lahmann empfiehlt das erste Album des Avantgarde-Kollektivs Young Echo, Warren O’Neill und Kyle Brayton haben sich mit dem schwedischen Teenage-Rapper Yung Lean befasst, Evelyn Malinowski war auf den Spuren der Grimes-Gang unterwegs, Jamie Jonathan Ball hat in London den Designer Matthew Bromley getroffen und Paul Solbach geht dem Mythos Pop auf den Grund.

Neu in diesem Heft ist der Don’t Panic Berlin Ausgehplan mit fünf Terminen, die ihr auf keinen Fall verpassen solltet. Vielen Dank an dieser Stelle an Indi Davies! Großer Dank gilt ebenfalls Charlotte Thießen und Augusto Lima vom Kassetten-Label Mouca, die für uns ein weiteres mal ein Mixtape mit ihrer Lieblingsmusik zusammengestellt haben.

Und nun: Umarmt mit uns das Jetzt!

Trailer

by KWON&KWON

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